Untersucht man Inhalte und Wortwahl der Berichterstattung genauer, wird klar: Immer noch wird die Realität im sogenannten Nahen Osten in einen israelfreundlichen Deutungsrahmen gesteckt. Auch wenn dies bedeutet, dass man zu diesem Zweck Fakten verdreht, Daten weglässt und entmenschlichende Metaphern unkommentiert verbreitet.
Michael Benčec, 28.03.2026
Am Samstag, den 28. März 2026 richtet der BR24 seinen Blick auf den sogenannten Nahen Osten. Oliver Fritzel leitet um 9.05 Uhr zum „Schwerpunktthema heute morgen“ über mit den Sätzen: „Genau vier Wochen ist es her, da haben die USA und Israel dem Iran den Krieg erklärt. Was haben Sie bisher erreicht? Und welche Spuren hat der Krieg bei den Menschen im Nahen Osten hinterlassen?“
Israelisch-amerikanische Kriegserklärung? – Haben wir etwas verpasst?
Schon die erste Aussage ist irritierend. Haben die USA und Israel dem Iran am 28. Februar 2026 wirklich den Krieg erklärt?
Der Analyse des International Institute for Strategic Studies zufolge haben Israel und die USA auf einen Überraschungseffekt gesetzt und den Iran deshalb mit luftgestützten ballistischen Raketen und amerikanischen Tomahawks attackiert.[1] Nic Robertson, ein erfahrener Konfliktjournalist, verweist in einer CNN-Analyse darauf, dass noch am Tag vor dem Angriff bei einem Treffen des omanischen Außenministers mit dem US-Vizepräsidenten von einem möglichen Verhandlungsdurchbruch mit dem Iran die Rede war. Verhandlungen hat es zuvor schon gegeben, sie hätten in Wien fortgeführt werden sollen. All dies sollte den Eindruck erwecken, dass nach einer diplomatischen Lösung gesucht werde, um die iranische Elite in Sicherheit zu wiegen. Der Angriff, so der CNN-Experte, habe wohl deshalb in den frühen Morgenstunden stattgefunden, weil die iranischen Führungskräfte ihre sicheren Unterkünfte und Bunker im Vertrauen auf den diplomatischen Fortschritt unbedarft verlassen würden.[2]
Ein falscher Eindruck wird erweckt
Oliver Fritzels Formulierung, die USA und Israel hätten dem Iran „den Krieg erklärt“ erweckt also einen völlig falschen Eindruck von den Ereignissen rund um den 28. Februar 2026. Die Hörer könnten glauben, der Krieg sei so erklärt worden, wie wir es aus der Geschichte kennen und wie es im Haager Abkommen von 1907 vereinbart worden war, wonach Angriffe nur nach einer Warnung in Form einer begründeten Kriegserklärung oder eines Ultimatums erfolgen dürfen. Noch heute gelten die zentralen Grundideen der Haager Regeln als wichtiges Fundament des Kriegsrechts. Es ist allerdings bekannt, dass Israel und die USA das internationale Kriegsrecht bestenfalls selektiv akzeptieren.[3]
Mit dem Satz „Genau vier Wochen ist es her, da haben die USA und Israel dem Iran den Krieg erklärt“ kreiert Oliver Fritzel also ein Deutungsschema, das mit der politischen Realität im Jahr 2026 nichts zu tun hat.
„Naher Osten“ als verwässernder Begriff
Problematisch ist in diesem Kontext auch die Verwendung des Begriffs „Naher Osten“, der sonst immer im Wort „Nahostkonflikt“ auftaucht. Palästinensische Menschen lehnen diesen Begriff aus zwei guten Gründen ab. Erstens, weil das Wort „Konflikt“ die wahren Machtverhältnisse in der Region verwischt und das Leid der Palästinenser*innen verharmlost. Zweitens aber, und das ist in diesem Kontext noch wichtiger, weil Palästinenser, Libanesen, Jordanier, Syrer und – wie man aktuell sieht – auch Iraner in einen Topf geworfen werden. Lediglich die Israelis werden in ihrer Selbstidentifikation als Gruppe ernst genommen. Und: Lediglich die Israelis werden als menschliche Subjekte dargestellt.
Sind im Nahen Osten nur Israelis Menschen?
BR24 und Oliver Fritzel bestätigen diese Beobachtung mit der Beantwortung der Ausgangsfrage, welche Spuren der Krieg bei den Menschen im Nahen Osten hinterlassen habe. Das Label „Mensch“ wird in diesem Fall sehr selektiv vergeben. „Wir schauen uns jetzt die israelische Perspektive an, gemeinsam mit unserer Korrespondentin Bettina Meier“, kündigt der Moderator an.
Acht von zehn jüdischen Israelis wollen die Fortsetzung des Krieges. Warum wird das nicht klar gesagt?
Fritzel stellt zunächst Fragen nach den Standpunkten der israelischen Regierung, die eine Eskalation der Angriffe auf den Iran befürwortet, sowie nach den Angriffen der Huthi-Milizen, ehe er nach der Stimmung unter den Menschen in Israel fragt.
Die Frage wäre leicht zu beantworten gewesen, hat doch die Times of Israel tags zuvor die Ergebnisse einer aktuellen Umfrage des Israel Democracy Institute veröffentlicht. Darin heißt es, dass 78 Prozent der jüdischen Israelis eine Fortsetzung des Krieges befürworten. Die Hälfte davon unterstützt die Fortsetzung sogar „nachdrücklich“.
In dieser Deutlichkeit ist dies Meiers Worten nicht zu entnehmen. Die Kriegsmüdigkeit sei den Menschen anzumerken, sagt sie. Insbesondere Eltern mit Kindern, die ja seit Wochen nicht in die Schule gehen. Sie verweist auf die Einschränkungen in den nun anstehenden Pessach-Ferien und kommt zu dem Schluss: „Die Menschen der Bevölkerung [sic!] wünschen sich ein Ende des Krieges, aber da muss man auch gucken, wen man fragt. Manche sagen auch, es muss weitergehen, ja, bis wirklich jetzt endlich mal auch dem Kopf der Schlange – so sagen sie es – , dem Iran, der Garaus gemacht wird.“
Arabische Völker als Verkörperung des Bösen
Nicht nur wird die entmenschlichende Beschreibung des Irans als Kopf der Schlange ohne Einordnung weitergegeben. Das Problem: Die Schlange wird im übertragenen Sinne ja mit Gefahr, List, Hinterhältigkeit, Versuchung und dem Bösen an sich assoziiert. Wenn Iran der Kopf dieser Schlange ist, sind Libanesen und Palästinenser denklogisch deren Körper. Die Schlangenmetapher generiert Sympathien und Bewunderung für die menschlichen Israelis, die sich in diesem Bild ja lediglich gegen reptilienartige Dämonen wehren. Daher kann man die propagandistische Formulierung nicht einfach zitieren, ohne sie einzuordnen.
Vor allem aber gewinnt man als Hörer den falschen Eindruck, dass nur manche Israelis so denken. In Wirklichkeit tun dies acht von zehn, was aus Meiers Ausführungen beim besten Willen nicht hervorgeht. Stattdessen schwingt sogar etwas Anerkennung mit, wenn Israelis im Norden als „viel abgebrühter“ bezeichnet werden, da sie selbst unter Beschuss eine Fortsetzung des Krieges wollen.
Der Beitrag endet, ohne auch nur einmal die Perspektive gewechselt zu haben. Zu glauben, dass im Anschluss an die israelische Sicht auch noch libanesische oder iranische Stimmen zu Wort kommen (wie man angesichts der einleitenden Ankündigung „Und welche Spuren hat der Krieg bei den Menschen im Nahen Osten hinterlassen?“ erwarten könnte), erweist sich – wie so oft – als naiv.
[1] Bruchmann, S., Sampson, M. ‘S.’, Childs, N., Allin, D., & Alhasan, H. (02.03.2026.) The US-Israel campagne in Iran. International Institute for Strategic Studies. https://www.iiss.org/online-analysis/online-analysis/2026/02/the-us-israel-campaign-in-iran/
[2] Robertson, N. (2026, February 28). Iranian leaders likely surprised by daybreak strikes[Video]. CNN. https://edition.cnn.com/2026/02/28/world/video/iran-israel-us-surprise-strike-attack-vrtc-digvid
[3] Weder die USA noch Israel sind Vertragsstaaten des Römischen Statuts. Die USA sanktionieren sogar Mitarbeitende des Internationalen Strafgerichtshofs, die Kriegsverbrechen amerikanischer oder israelischer Akteure juristisch beleuchten. Siehe: The White House. (05.02.2025). Imposing sanctions on the International Criminal Court. https://www.whitehouse.gov/presidential-actions/2025/02/imposing-sanctions-on-the-international-criminal-court/
